Veranstaltungsbericht La Bruja y Don Cristóbal

Veranstaltungsbericht La Bruja y Don Cristóbal

Veranstaltungsbericht La Bruja y Don Cristóbal

In Antimilitarismus, Historisch, International, Kulturelles und Rezensionen, Repression on 11. Oktober 2025 at 00:12

Am 21. 9. 2025 fand im Amerlinghaus die Erstaufführung des Puppentheaterstücks La Bruja y Don Cristóbal in Österreich statt, organisiert vom Wiener ArbeiterInnen Syndikat (WAS).

Zunächst ist festzuhalten, dass die Veranstaltung wirklich extrem gut besucht war und alle unsere Erwartungen übertroffen hat. 65 ZuschauerInnen haben in der Galerie des Amerlinghaus das Stück gesehen, was den Raum tatsächlich an seine Kapazitätsgrenze gebracht hat.

Nach einer kurzen Einführung eines Genossen des WAS begann schließlich die Vorstellung der spanischen Puppenspieler von Titeres desde abajo. Doch vorher möchten wir noch den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund der Kunstform und des Stückes darlegen.

Hintergründe und Geschichte

Die Ursprünge vom Puppentheater mit den heute bekannten Charakteren sind verwoben mit der Commedia dell’arte, der komischen Schauspielkunst, die sich ab dem 16. Jahrhundert von Italien über ganz Europa ausgebreitet hat. Die zentralen Charaktere des Puppentheaters in den europäischen Ländern, wie etwa auch unser Kasperl, sind beeinflusst von Figuren aus diesem Theater, in diesem Fall Pulcinella. In England wurde Pulcinella zu Punch, der gemeinsam mit seiner Frau Judy das zentrale Duo des Puppentheaters besonders englischer Küstenstädte bildete. In Spanien heißt dieselbe Figur Don Cristóbal Polichinela, ein kindlicher und jähzorniger Mann, der gerne andere mit Knüppeln verprügelt, um seine Macht durchzusetzen.

Diese Art des komischen Puppentheaters arbeitet sehr stark mit Slapstick-Elementen, und ist auch durchaus gewaltvoll. Allerdings hat das traditionelle Puppentheater, dass oft auf Jahrmärkten oder öffentlichen Plätzen aufgeführt wurde und dessen Publikum Kinder genauso wie Erwachsene waren, im 20. Jahrhundert in vielen Ländern stark an Bedeutung verloren, so auch in Spanien.

Die Puppenspieler von Títeres desde abajo (wörtlich: „Puppen von unten“) aus Granada sind angetreten, um diese weitgehend verlorengegangene Kunst wiederzubeleben. 2012 gegründet, möchten sie nicht nur Puppentheater machen, sondern mit dem traditionellen Humor auch eine kapitalismus- und herrschaftskritische Botschaft transportieren. Das Anfang 2016 uraufgeführte Stück La Bruja y Don Cristóbal (deutsch: „Die Hexe und Don Cristóbal“) hat ebenso dieses Ziel.

Inhalt und Kontext des Stücks

Der gesellschaftliche Kontext, in dem das Stück geschrieben wurde, war natürlich die Situation in Spanien nach der Finanzkrise, die mit großflächiger Verarmung und Wohnungsnot einherging. Die zentrale Figur ist eine Hexe, die ein Haus besetzt, um darin wohnen zu können. Doch dann kommt Don Cristóbal in der Form eines Hauseigentümers daher und will die Hexe aus dem Haus vertreiben, wobei sie sich prügeln und er sie sogar vergewaltigt! Am Ende gelingt es der Hexe, Don Cristóbal zu töten, allerdings ist sie da bereits schwanger von ihm.

Als sie ihr Kind schließlich bekommt, tritt die Macht der Herrschenden in einer neuen Form in das Leben unserer Protagonistin: eine Nonne will ihr das Kind wegnehmen. Doch nachdem die Hexe auch die Nonne abwehren und unschädlich machen kann, steht plötzlich die Polizei vor der Tür. Der Polizist überwältigt die Hexe und platziert in ihrem Haus allerlei politisch radikale Schilder und Plakate, um sie wegen Terrorismus vor Gericht zu bringen. Dort wartet bereits der Richter mit dem Galgen in der Hand …

Der Richter (links) will die Hexe an den Galgen bringen

Wir wollen hier nicht die gesamte Geschichte verraten bzw. ob die Hexe überleben kann und welchen Figuren sie noch begegnet. Soviel sei gesagt: das Stück ist wirklich spannend, dramatisch und doch auch witzig. Es wird kaum gesprochen, aber durch die sichtbare Handlung ist es allgemein verständlich. Die Auseinandersetzungen zwischen der Hexe und ihren KontrahentInnen sind immer slapstickhaft komisch und es gibt noch zusätzlich komödiantische Einlagen, etwa, wenn die Hexe versucht, einen Kürbis zu verzaubern, und nie sicher ist, ob es gelingt, weil der Kürbis auch macht, was er will …

Die Hexe beim Versuch, einen Kürbis zu verzaubern

Repression gegen die Puppenspieler

Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass dieses harmlos-witzige Puppentheaterstück dazu geführt hat, dass die beiden Puppenspieler kurzzeitig ins Gefängnis kamen und wegen „Verherrlichung des Terrorismus“ und „Aufruf zu Gewalt“ angezeigt wurden. Dennoch ist genau das nach einer Aufführung 2016 in Madrid passiert.

Neben den Gewaltdarstellungen gegen VertreterInnen der Kirche und des Kapitals waren es sogar die politischen Botschaften, die der Polizist im Haus der Hexe platzierte, die den konservativen spanischen Staats-, Justiz- und Regierungsapparat auf die Palme brachten. Dazu muss man wissen, dass die damals regierende Partido Popular die direkten ideologischen Erben von Francisco Franco sind, mit vielfältigen persönlichen Verbindung ins und Nostalgie für das faschistische Regime. Diese Leute sind dementsprechend humorlos und autoritär-repressiv ausgerichtet.

Das Schild, das in dem Stück vorkommt und den Anstoß erregt hat, enthält die Worte Gora Alka-Eta, ein Mischmasch aus zwei unterschiedlichen Phrasen: Gora ETA heißt auf baskisch „Lang lebe die ETA“, die baskisch-nationalistische Untergrundorganisation, die bis zur Selbstauslösung 2018 einen bewaffneten Kampf gegen den spanischen Staat führte.

Alka-Eta wiederum klingt auf spanisch ähnlich wie Al-Qaida. Und dieser offensichtlich parodistische Nonsens-Satz wurde von den Repressionsapparaten als Terrorunterstützung ausgelegt! So führte, wie es The New Yorker so schön ausdrückte, ein Puppenspiel über eine soziopolitische Hexenjagd zu einer realen soziopolitischen Hexenjagd, die ähnlich absurd war.

Für fünf Tage kamen unsere spanischen Genossen in Untersuchungshaft, weil ein Richter Fluchtgefahr annahm. Nach öffentlichem Druck wurden sie jedoch auf freien Fuß gesetzt, und im folgenden Prozess auch glücklicherweise freigesprochen.

Bezüge zu heute: Palestine Action

Doch in der jetzt aufgeführten Fassung haben die spanischen Genossen ihr Stück auch um derzeitige politische Bezüge erweitert: neben dem Schild mit Gora Alka-Eta wird auch ein Schild mit der Aufschrift „Palestine Action“ im Haus der Hexe platziert. Der Kontext davon ist Palestine Action UK, ein in Großbritannien agierendes propalästinensisches AktivistInnen-Netzwerk. Palestine Action führte besonders Aktionen gegen Standorte des israelischen Waffenkonzerns Elbit im Vereinigten Königreich durch, wobei sie in Waffenfabriken eingedrungen sind und dort Sachschäden angerichtet haben, um den Betrieb aufzuhalten und Elbit aus Großbritannien zu vertreiben.

Speziell mit dem offenen Völkermord, den Israel ab Oktober 2023 besonders im Gazastreifen begeht, wurde Palestine Action immer prominenter und aktiver und wendete sich auch gegen die britische Unterstützung Israels. Im Juni 2025 etwa führte Palestine Action eine Aktion gegen eine britische Luftwaffenbasis durch, deren Flugzeuge Aufklärungsflüge über dem Gazastreifen fliegen und somit den Genozid Israels unterstützen. Die AktivistInnen haben dabei die Basis betreten und rote Farbe in die Motoren von zwei Flugzeugen gesprüht. Als Reaktion darauf wurde diese gewaltfreie AktivistInnengruppe vom britischen Staat zur Terrororganisation erklärt, wodurch es buchstäblich illegal wurde, auch nur ein Schild mit ihrem Namen zu tragen, mit hunderten verhafteten UnterstützerInnen bisher.

Diskussion und Sonstiges

Die Repression gegen sie damals und die Repression in Europa heute waren auch Teil der lebhaften Diskussion, die auf die Aufführung folgte. Vor dem Hintergrund von Palestine Action UK und der in der ganzen westlichen Welt stark gestiegenen Repression gegen die propalästinensische Bewegung wollte ein WAS-Genosse wissen, ob Ähnliches auch in Spanien passiert. Die Antwort der spanischen Genossen war, dass die Repression gegen linke Bewegungen in Spanien im Vergleich zu vor 10 Jahren eher abgenommen hat, was möglicherweise mit dem Regierungswechsel zu tun hat.

Dennoch gibt es weiter staatliche Unterdrückung und speziell Bespitzelung von linken AktivistInnen. So sind im Raum Katalonien in den letzten paar Jahren mehrere Polizeispitzel enttarnt worden, die versuchten, die linke und anarchistische Bewegung zu infiltrieren. Andererseits gibt es weiter Einschränkungen der Meinungs- und Kunstfreiheit, wie den Fall des katalanischen Rappers Pablo Hasel, der seit Jahren im Gefängnis sitzt, weil er das spanische Königshaus beleidigt und Sympathie mit linken baskischen und katalanischen Untergrundbewegungen bekundet hat.

Neben diesen eher düsteren Themen gab es aus dem Publikum auch sehr viel Interesse und Lob für das Stück und seine einzelnen Aspekte. Ein Gast, der laut eigener Aussage etwas von Puppentheater verstand, meinte etwa, dass das ein sehr professionelles und gutes Puppenspiel war. Auf allgemeinen Wunsch hin haben unsere spanischen Gäste anschließend auch die Puppen hergezeigt und es entwickelte sich ein Gespräch über das Design, die Kunstform und ähnliches, das dem Abend einen positiven und lockeren Abschluss gab.

Uns haben danach auch Anfragen erreicht, die wissen wollten, ob es weitere Termine für das Stück gibt oder zumindest eine Aufzeichnung davon, da sie an dem einen Abend nicht da sein konnten. Leider waren unsere Genossen da bereits wieder in Spanien. Es existiert aber im Internet eine Aufzeichnung von einer älteren Version, auf die wir hier verweisen. So gibt es zumindest etwas, bis Titeres desde abajo hoffentlich eines Tages wieder in Wien auftreten können!

Veröffentlicht am 11. 10. 2025 auf wiensyndikat.wordpress.com. Kopieren mit Quellenverweis möglich. 

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar Antwort abbrechen


Source: WAS Autriche

Laisser un commentaire