Protest gegen Räumung und Rodung des „Sündenwäldchens“
Vom frühen Morgen bis in die Abendstunden des 18.11.2025 hat die Polizei im Auftrag von RWE die seit Ende 2024 bestehende Waldbesetzung nahe Kerpen-Manheim (alt) geräumt. Mit Baggern, Kränen und Hebebühnen rückten sie zum „Manheimer Erbwald“ an und zerstörten zahlreiche Barrikaden, Baumhäuser und Bodenstrukturen. Danach wurden im Schutz der Dunkelheit schnell alle Bäume gefällt, die bei der ersten Rodung Ende Januar wegen der widerständischen Waldbesetzer*innen nicht abgesägt werden konnten. Mittlerweile ist von dem Gelände nur noch ein kleiner Hügel erkennbar, auf dem mehrere Hütten gebaut worden waren, um diese Naturzerstörung aufzuhalten.
Während der Räumung wurde die Presse an einer entfernten „RWE-Medienzone“ festgesetzt, weshalb es keine Berichterstattung direkt vor Ort gab. Sogar einem parlamentarischen Beobachter wurde von den eingesetzten Beamt*innen der Zutritt zu der brutalen Polizeimaßnahme verwehrt. Die kritische Öffentlichkeit sollte wohl nichts mitbekommen von den repressiven Methoden der Staatsgewalt, weshalb der Erdwall rund um das Werksgelände von zahlreichen Einsatzkräften bewacht wurde.





























Trotzdem versammelten sich am Nachmittag einige Demonstant*innen an der Mahnwache in der Esperantostraße, um gegen den teilweise brutalen Polizeieinsatz gegen Aktivist*innen zu protestieren. Es wurde berichtet, dass einige der Besetzer*innen bei der Räumung der Besetzung kopfüber in eine Baggerschaufel geworfen wurden.
Die Unterstützer*innen durften sich mit einer Kundgebung nur weitab des besetzen „Sündenwäldchens“ aufhalten. Aber eine kleine Demo lief dennoch mit martialischer Polizeibegleitung bis zur Mahnwache auf der BUND-Wiese an der Tagebaukante.
Von den insgesamt 12 Personen, die bei der Räumung in Gewahrsamnahm genommen wurden, sind daraufhin vier vier Festgenommene ins Kölner Polizeipräsidium verlegt worden.
Köln: Solidarität mit den „Sündi 4“
Anfangs waren die Aktivist*innen noch auf verschiedene Gefangenensammelstellen (GeSa) in der Region verteilt gewesen. Nachdem die meisten wieder freigelassen wurden, sind jedoch vier Gefangene im Polizeipräsidium Kalk eine Woche lang festgehalten worden, denn dies ist durch das Landespolizeigesetz in NRW erlaubt. Unterstützer*innen berichteten dabei über diskriminierende Behandlung durch die Kölner Beamt*innen:
„Den Gefangenen wurde für mehr als 24 Stunden veganes Essen verweigert, weswegen mindestens eine Person in diesem Zeitraum nichts gegessen hat. Desweiteren wird den Menschen frische Kleidung und ausreichend Kälteschutz verzweigt weswegen sie seit fast 48h in kalten Gesazellen sitzen müssen. Außerdem werden zu mindestens einer Person keine Bücher durchgelassen.“
Gegen diese Repression, mit welcher die Staatsgewalt erneut versucht die Klimabewegung zu kriminalisieren und einzuschüchtern, wurde hinter dem Polizeipräsidium wurde eine Mahnwache am Kalker Bürgerpark eingerichtet. Zahlreiche solidarische Menschen kamen dort trotz der Winterkälte hin, um ihre Solidarität zu zeigen und kritische Öffentichkeit zu schaffen. Es gab auch Live-Musik und neu gemalte Banner wurden aufgehängt.
Am 23.11. wurde von der klimabewegten Initiative Kirche an der Kante anstatt einer Kundgebung spontan eine ökumenische „Andacht“ gehalten mit Gesang und Redebeiträgen zu Repression (z.B. der Gerichtsprozess gegen Block Neurath in Mönchengladbach), sowie zu Kapitalismus und Klimagerechtigkeit. Die vier Aktivist*innen wurden am 25.11. schließlich nach einer Woche in Polizeigewahrsam freigelassen und der GeSa-Support konnte die Zelte in Köln-Kalk wieder abbauen.









Auch die angemeldete Mahnwache an der Esperantostraße in Kerpen-Manheim (alt), welche seit Monaten Anlaufstelle für solidarische Unterstützer*innen der Waldbesetzung im „Sündi“ war, musste ihr Lager aufgeben. Mit einer Abschlussveranstaltung verabschiedeten sich die Klima-Aktivist*innen von der Obstwiese nahe des Erdwalls, da sie das Gelände nach der Rodung des „Sündi“ räumen mussten. Sie bedankten sich bei allen Teilnehmer*innen und Unterstützer*innen „für die gemeinsam durchgestandene Zeit , dankbar für die Möglichkeit uns kennenzulernen, dankbar eine Utopie und Gemeinschaft lebbar zu machen. Danke sagen für die gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Nur zusammen haben wir über ein Jahr Wiederstand geleistet, Natur und Tieren so ein weiteres Jahr Lebensraum gegeben. NRW kann uns den Ort nehmen aber nicht die Erinnerungen, die Freundschaften und die Träume.“
Hambi: Waldspaziergänge und Besetzung gehen weiter
Da die Schaufelradbagger sich von der Tagebau-Grube weiter in die Landschaft rund um den Hambacher Wald graben, ist der einst geplante Biotop-Verbund in dem Naturschutzgebiet in der Jülich-Zülpicher Börde nun Geschichte. Mit der Rodung des „Sündenwäldchens“ und des angrenzenden Manheimer Fließ sind die Reste der ursprünglichen Verbindung zwischen dem „Hambi“ und dem Kerpener Waldstück „Steinheide“ von RWE endgültig vernichtet worden. Das bedeutet für den seit dem 2018 erkämpften Rodungsstopp erhaltenen Hambacher Wald, dass die vorangetriebene Tagebau-Kante den von Dürre und Hitze gestressten Laubbäumen weiter das Wasser abgräbt.
Nur die von der Umweltschutz-Organisation BUND gekaufte Wiese am Grubenrand, welche auch nach dem Abbau der dortigen Mahnwachen-Zelte weiterhin ein Anlaufpunkt für regelmäßge Waldspaziergänge ist, hindert die Schaufelradbagger von RWE noch daran, die Böschung weiter abzugraben.
















Der Kampf ums Wasser im Rheinischen Revier
Der durch die fossile Erderhitzung verursachte Klimawandel bringt auch vor Ort zahlreiche Probleme für die Menschen und ihre Mitwelt: Neben Extremwetter-Katastrophen und Hitzewellen sind das unter anderem ein sinkender Grundwasser-Pegel und zunehmender Flächenfraß durch den naturzerstörenden Ausbau von Industrien und Siedlungsgebieten.
Der kapitalistische Raubbau (Neo-Extraktivismus) im Rheinischen Braunkohle-Revier findet aber nicht nur direkt am Tagebau statt, sondern es sollen auch Naturschutzgebiete, wie der Knechtstedener Wald im Rhein-Kreis Neuss den Konzern-Interessen von RWE geopfert werden. Denn die riesigen Kohlegruben der Tagebaue Garzweiler II und Hambach werden im Anschluss an den für 2030 geplanten Kohleausstieg jahrzehntelang mit Rheinwasser geflutet. Dieses umstrittene Projekt plant, aus den Tagebau-Restseen das zweitgrößte Binnengewässer Deutschlands entstehen zu lassen.
Hierbei soll jedoch nicht das „Verursacherprinzip“ greifen, nach dem die Naturzerstörung durch den Energiekonzern durch Wiederauffüllen mit Erdaushub und Re-Naturierung der vernichteten Landschaften geschehen soll. Denn der fossile Klimakiller möchte seine Gewinne aus der Naturzerstörung behalten und die Allgemeinheit die Kosten der Zerstörung in Millionenhöhe tragen lassen.
Mit einer 45 km langen Pipeline vom Rheinufer nahe der Chemie-Deponie in Dormagen-Rheinfeld möchte RWE Milliarden Kubikmeter Wasser kostenlos aus dem Fluss entnehmen und in die Tagebau-Löcher umleiten. Damit sichert der Konzern seine Profite aus der Kohleverbrennung und spart sich die Kosten für das aufwändige Verfüllen der Kohlegruben. Doch es regt sich spürbar Widerstand gegen dieses Mega-Projekt, das in Zeiten der Wasserknappheit die Ressourcen der Erde dem Kapitalinteresse der Kohleindustrie opfert.

Denn im Anschluss an die Wasserkonferenz vom März 2025 haben sich regionale Strukturen gebildet, um nun 2026 auch im Rheinland den Protest gegen diesen Raubbau an unseren Lebensgrundlagen zu organisieren. Mit drei „Flusscamps“ (u.a. nahe der Chemiewerke in Leverkusen) soll auf die zunehmende Wasserkrise aufmerksam gemacht und widerständische Orte für den Kampf um Klimagerechtigkeit aufgebaut werden. Ein erstes Vernetzungsangebot zum „Rheincamp“ fand bereits im Dezember statt, bei dem es nicht nur um den geplanten Bau der Rheinwasser-Transportleitung ging, sondern auch um die Belastung des Flusses mit chemischen Stoffen (PFAS, Mikroplastik, Pestizide).
Angesichts der zunehmenden Probleme bei der Anpassung an die Klimazerstörung, die uns am Wohnort, unterwegs und am Arbeitsplatz als Hitze und Starkregen bedroht, ist es wichtig eine breite Bewegung für den sozial-ökologischem Wandel aufzubauen. Nicht nur Schulen sollten bestreikt werden – und nicht nur freitags! Jeden einzelnen Tag kommt es darauf an, für eine lebenswerte Zukunft zu kämpfen, in der die Wirtschaft nicht der zerstörerischen Kapitalvermehrung dient, sondern der ganzen Gesellschaft.
Ein globaler Umbau hin zu einer nachhaltigen Produktion und gerechter Reproduktion ist weiterhin dringend nötig. Dazu braucht es aber Organisierung in jeder Branche und in allen Betrieben, denn von selbst wird weder der fossile Kapitalismus, noch die „grüne“ Industrie die Kontrolle über die Unternehmen aufgeben. Nur selbstorganisiert können wir die Plünderung der Ressourcen von Mensch und Erde aufhalten – damit Ausbeutung und Unterdrückung ein Ende haben. Im Rheinischen Revier machen antikapitalistische Klima-Aktivist*innen mit direkten Aktionen und gegenseitiger Hilfe seit Jahren erste Schritte in Richtung solidarischer Selbstorganisation. Jetzt gilt es, diesen Weg weiter zu gehen und die sozialen Kämpfe für eine gerechte Transformation auszuweiten – auch im weiterhin besetzten Hambacher Wald oder entlang der Rheinwasser-Transportleitung.
Siehe auch:
Tagebau Hambach: RWE-Räumungsdrohung im „Sündenwäldchen“
https://asnkoeln.wordpress.com/2025/10/19/tagebau-hambach-rwe-raumungsdrohung-im-sundenwaldchen/
Tagebau Hambach: Solidarität mit den Waldbesetzungen
https://asnkoeln.wordpress.com/2025/09/21/tagebau-hambach-solidaritat-mit-den-waldbesetzungen/
Creative Commons_ BY-NC (ASN Köln, asnkoeln.wordpress.com)
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